Victim Blaming

Was ist Victim Blaming

Victim Blaming bezeichnet das Muster, bei dem einer betroffenen Person die Schuld oder Mitverantwortung für das zugeschrieben wird, was ihr widerfahren ist – sei es ein Konflikt, eine Kränkung, ein Fehler oder ein strukturelles Problem. Ursprünglich aus der Sozialpsychologie und Traumaforschung stammend, findet Victim Blaming auch in Organisationen und Führungskontexten statt – oft unbewusst und gut gemeint verpackt.

Was bedeutet Victim Blaming für Führungskräfte?

In der Führungsrolle zeigt sich Victim Blaming oft subtil: „Der hätte ja auch früher Bescheid sagen können.“ – „Sie ist halt zu sensibel für dieses Umfeld.“ – „Wenn er sich besser verkauft hätte, wäre das nicht passiert.“ Diese Aussagen verschieben die Verantwortung weg von strukturellen oder situativen Ursachen hin zur betroffenen Person. Das schützt das System vor Kritik – und verhindert echte Ursachenanalyse.

Typische Muster in Organisationen

  • Persönlichkeitsattribution – Fehler werden dem Charakter zugeschrieben, nicht dem System oder der Situation
  • Verhaltenskritik nach Schadenseintritt – „Warum hast du nicht früher etwas gesagt?“ – ohne zu fragen, ob Sagen sicher war
  • Empathie-Entzug – Betroffenen wird implizit vermittelt, dass ihre Reaktion unangemessen ist
  • Gerechte-Welt-Denken – Die kognitive Verzerrung, dass Menschen bekommen, was sie verdienen

Victim Blaming in der Praxis

Nach einem gescheiterten Projekt analysiert das Führungsteam, was der betroffene Mitarbeiter anders hätte tun sollen – ohne die Frage zu stellen, welche Rahmenbedingungen zum Scheitern beigetragen haben. Das Ergebnis: Der Mitarbeiter zieht sich zurück, das System verändert sich nicht. Wer als Führungskraft Victim Blaming erkennen und vermeiden will, braucht eine Haltung, die strukturelle Faktoren einbezieht. Wie das mit wertebasierter Führung zusammenhängt, zeigt dieser Beitrag.

Abgrenzung: Victim Blaming vs. Eigenverantwortung

Victim Blaming ist nicht dasselbe wie das Einfordern von Eigenverantwortung. Eigenverantwortung fragt: „Was kann ich künftig anders machen?“ – und setzt voraus, dass die Person reale Handlungsspielräume hatte. Victim Blaming hingegen macht die Person für Dinge verantwortlich, die außerhalb ihrer Kontrolle lagen, oder bestraft sie dafür, dass sie in einem dysfunktionalen System das Falsche getan hat. Der Unterschied liegt in der Machtanalyse. Mehr zum Thema innere Haltung und authentische Führung auf my-life-shift.com.

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